Trotz der Tatsache, dass Flers „Spiegelbild“ sowohl technisch als auch inhaltlich weit unter unserem gewohnten Niveau ist, gibt es eine Zeile, die Reaktionen der Leute provozierte, nämlich:

Dein Rumgetanze ging nach hinten los – Moonwalk

Vor ein paar Tagen durfte ich unter dem dazugehörigen Musikvideo auf YouTube folgenden Kommentar lesen (gekürzt sowie Rechtschreibfehler ausgemerzt):

Sido: Wenn ich fliege, bleib’ ich auf dem Teppich -Aladin

oder

Silla: Tätowiert sich jeder hier mein Logo – Arschgeweih

[...]

Die Fler-Fans wissen, dass [Mo]Trip beim Schreiben hilft, das hatte Fler schon erwähnt

Es ist demnach ein offenes Geheimnis, dass MoTrip auch schon bei Flers Airmax Muzik 2 teilweise beim Texten nachgeholfen hat. Offensichtlicher wird es, wenn man sich einige von MoTrips eigenen Zeilen anschaut, z.B. in „Polosport Massenmord“ mit eben jenem Fler:

„Du bist ein Witz auf zwei Beinen – Running Gag“

Alle diese Zeilen haben etwas gemeinsam: Das obligatorische „wie“ für einen Vergleich wird weggelassen, sodass das Substantiv, auf welches man die Zeile zuvor bezogen hat, viel kräftiger wirkt und auch oft durch besonderen Wortwitz oder kulturelle Referenzen (Verweise auf TV-Serien, Filme, Bücher, Marken etc.) auffällt. Des Weiteren dient die Pause dazu, eine mögliche Doppelbedeutung leichter verständlich zu machen. Hätte Sido nämlich geschrieben: „Wenn ich fliege, bleib’ ich auf dem Teppich wie Aladin“, wirkte es nicht mehr so „besonders“ und der Bezug zu Aladin drängte sich nicht so stark ins Bewusstsein, als wenn man das „wie“ einfach weglässt.

Wer nun aber denkt, MoTrip, Silla oder gar Sido wären Urheber dieser Technik, dem kann ich sagen: Weit gefehlt! Wie so oft in der Unterhaltungsindustrie, wurde dieser Trend in den USA gestartet und hat mit einigen Monaten Verzug auch Einhalt in der deutschsprachigen Rap-Szene gefunden.

Zu bemerkenswerter Prominenz gelangte diese Technik, die vom DJBooth.net-Reviewer und RefinedHype.com-Inhaber Nathan Slavik passenderweise als „elongated pause flow“ (zu Deutsch etwa: „langgestreckte-Pausen-Flow“) bezeichnet wurde, durch Drakes Strophe in „Forever“ aus dem Jahr 2009:

In your city faded off the brown, Nino
She insist she got more class, we know
Swimming in the money, come and find me: Nemo
If I was at the club you know I balled, chemo

Wir finden hier alle oben bereits festgehaltenen Markenzeichen: ein Substantiv wird am Ende der Zeile nach einer kleinen Pause vom Stapel gelassen und offenbart entweder Bezüge auf Kinofilme (1.Zeile: Nino Brown ist Protagonist des Gangsterfilms „New Jack City“, 3. Zeile: offensichtliche Anspielung auf „Finding Nemo“ respektive „Findet Nemo“) oder Wortzwitz (4. Zeile: „to ball“, Präteritum „balled“, bedeutet ungefähr so viel wie „die Sau rauslassen“, aber „bald“, gleich ausgesprochen wie „balled“, daher ein Homophon, bedeutet „Glatze“, welche meist durch eine „chemo“, also Chemotherapie bei Krebserkrankungen oder Infektionen herbeigeführt wird) Die 2. Zeile bildet hier eine Ausnahme, da sie weder ein Substantiv am Ende beinhaltet, noch eine kulturelle Referenz oder gar ein Wortspiel. Allerdings führt sie das doppelsilbige Reimschema fort (Ni-no, we-know, Ne-mo, che-mo), aber das wird wohl das Thema eines anderen Artikels sein.

Als Urheber darf sich hingegen wohl Kanye West (welcher ebenfalls auf „Forever“ vertreten ist) bezeichnen, der sich auf seinem 2007er Machwerk Graduation mehrmals dieser Technik bediente:
z.B. Good Morning:

I mean damn, did you even see the test?
You got D’s, muthafucka D’s, Rosie Perez

oder Good Life:

Haters give me them salty looks — Lawry’s

Die vermeintlich beste Verwendung des „elongated pause flows“ stammt wohl ebenfalls von einem G.O.O.D. Music-Signee, nämlich Big Sean auf seinem Supa Dupa Lemonade Freestyle aus dem Jahr 2008. Da diese Technik sehr charakteristisch für diesen Song ist, wurde sie teilweise auch einfach als „Supa Dupa flow“ bezeichnet.

Aber erst „Forever“ sollte dafür sorgen, dass sich so ziemlich jeder, und damit meine ich wirklich jeder, Rapper dieser Technik bedient, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Es erwies sich jedoch nicht nur schnell als ausgelutscht, sondern es wurden naturgemäß auch Zeilen in die Welt gesetzt, die selbst einem Waka Flocka Flame oder Soulja Boy alle Ehre machen. Zu unrühmlicher Bekanntheit gelangte Ludacris, der bei vielen Kennern zu den Top5-Alive gezählt wird, als er auf dem Song „My Chick Bad (feat. Nicki Minaj) den „elongated pause flow“ unglaublich schlecht verwendete und somit fast ins Grabe trug:

Comin down the street like a parade, Macy’s!
(Whoo!) I fill ‘er up, balloons!

Eigentlich brauch wohl nicht erwähnt werden, dass die Macy’s Thanksgiving Parade eine jährlich in New York stattfindende Parade ist und dass Luda die Dame seines Herzens mit Sperma wie ein Ballon auffüllt … Nicht umsonst wurde das Album „Battle of the Sexes“, auf dem dieser Song zu finden ist, zum schlechtverkauftesten Album in Ludacris’ Karriere.

Aber auch Frau Minaj lässt sich nicht zweimal bitten und bereitet ihrem Young Money Crewmate Drake mit folgender Zeile eine Freude:

It-it-it-it-it’s goin down, basement

Das lassen wir einfach mal so stehen. Es gibt jedoch einen begnadeten Künstler, der sich im September 2010, als diese Technik längst wieder „out“ war, dazu hinreißen ließ, diese Technik endgültig ins Nirvana zu befördern: Justin Timberlake. Ja, richtig gelesen, der Sänger und ehemalige Kinderstar JT gibt sich keine Blöße und liefert uns auf dem wahrhaftig grausamen „Shades“ von Diddy’s Dirty Money feat. Lil Wayne, James Fauntleroy und Justin, selbst folgende Zeilen:

I can read your mind, read your mind, Professor X
we can press rewind, press rewind, VHS
speaking of the past, it’s so futuristic behind ya
let me fill up your plate and dish it out, dish it out, China
I’mma bend yo body, bend yo body, Magneto
let me have my way, I’mma have my way, Carlito

Es ist anzumerken, dass dieser Song keine gerappte Strophe von Lil Wayne enthält, sondern lediglich einen gesprochenen Monolog. Der Singer-Songwriter James Fauntleroy weiß hingegen wie so oft zu überzeugen. Aber genug der Songkritik, wie wäre es zur Abwechslung mal mit einem gelungenen Beispiel? Bitte sehr, Slaughterhouse-MC Joell Ortiz auf seinem grandiosen Track „Battle Cry“:

You’ve become a little memory, gigabyte
Me and these beats got married, I’m Mr. Right
Little man, you spit aight, I’m on fire
You got a little buzz – Miller Lite

Doch genug der englischen Beispiele, wir sind hier schließlich auf Rap Genius Deutschland. Wenn man sieht, dass die Technik bereits 2007 ihren Einzug fand und erst 2010 nach Deutschland gefunden hat, erkennt man, dass einige Rapper nicht nur verhältnismäßig langsam, sondern auch so unkreativ sind, dass sie sich für Techniken in anderen Sprachen umgucken müssen. Es ist allerdings anzumerken, dass es dennoch viele Rapper gibt, die sich diesem Trend gar nicht oder nur in Maßen angepasst haben. Wie bei einem Gift, ist auch hier die Dosis entscheidend: Verwendet man die Technik zu häufig, ist sie geradezu „tödlich“ für die Gehörgänge. Jedoch wirkt ein einzelner und gekonnter Einsatz mitunter sogar „heilend“. Daher lassen wir zum Schluss den Prinzen sprechen:

Stets mit meiner Entourage, Vinnie Chase

Vinnie Chase ist ein Charakter der HBO-Serie „Entourage“. Es ist das einzige Mal auf „Rebell ohne Grund“, dass Pi diese Technik anwendet. Wohlgemerkt, er bedient sich einer US-amerikanischen Rap-Technik im Zusammenhang der Darstellung seines US-amerikanischen Traums mit Bezug auf eine US-amerikanische Fernsehserie. Hut ab!

Damit dieser Artikel hingegen zu einem runden Ende kommt, benötigen wir neben Pi (…) auch noch einmal Worte von Fler, der dieser Abhandlung zufolge recht wenig mit der Entstehung dieser Technik an sich zu tun hat, aber immerhin als Inspiration herhalten durfte:

Ich hab ihre Nummer in meinem Handy – iPhone

von Martin „matza“ Fischer