2012 ist allen Weltuntergangspropheten zum Trotz nun doch ohne Apokalypse vorbeigezogen, aber was ist geblieben? Hiphop-mäßig war das jedenfalls wieder ein absolutes Boomjahr, sowohl kommerziell als auch künstlerisch hat sich deutscher Rap wieder im Pantheon des deutschen Musikbiz mit über zwanzig homegrown Top10 Alben festgesetzt, von denen fünf Stück sogar direkt auf die 1 geschossen sind!

Das ist insofern beachtlich, als dass kaum ein US-Rapper hier einen ähnlichen Erfolg verbuchen konnte. Nicht mal Kendrick, verdammt! Das zeigt, wie wichtig es für die Leute offenbar ist, die Lyrics verstehen zu können. Da kann die Produktion noch so krass sein, für Hip Hop-Heads bestehen „Ohrwürmer“ immer eher aus tight gerappten Lines, die man einfach nicht aus’m Kopf bekommt.

So geht’s uns jedenfalls bei Rap Genius Deutschland die ganze Zeit! Immer wieder gibt’s ’nen Rhyme, der uns so fasziniert, dass wir uns direkt daran setzen müssen, um ihn zu decoden. Und 2012 gab’s so viele Releases, die wir zuderbst gefeiert haben, dass wir – d.h. die Rap Genius Deutschland Editoren – euch hier mal zum Jahresabschluss unsere 10 Lieblings-Mixtapes / EPs sowie unsere Album-Top10 für 2012 präsentieren wollen:

TOP 10 MIXTAPES & EPs

10. Morlockk Dilemma & Dexter – Weihnachten im Elfenbeinturm
9. Cr7z – S7nus
8. Schwesta Ewa – Realität
7. Lucky Looks – Hallo ich bin Lukas
6. Aphroe – 90
5. Tua – Raus
4. Lance Butters – selfish EP

3. Die Orsons – Jetzt EP

2012 war mit zwei Top-Releases ein sehr zufriedenstellendes Jahr für die Hooligans of Love, wie sich Orsons-Fans nennen: Das Chaos und die Ordnung in Albumlänge ist sicherlich musikalisch vielfältiger, aber wer straighten Orsons-Rap ohne quasi-Solotracks will, greift ohne Umschweife zur großartigen Jetzt EP, die es im März als Beigabe zur JUICE #142 gab. Ein brillantes Ding ohne schwache Momente voll mit deepen Nummern wie „Zurückgelassen“ oder „Ihr misskapiert es“ und bouncigen Instant-Klassikern wie „Jump“ und „Motherfuckin‘ Orsons!!!“. Im Titeltrack „Jetzt“ wird die Zukunft schon mal vorsorglich in nostalgischen Sepiatönen gebadet, während auf „Surrealismus“ die Welt durch den Zerrspiegel der Kunst betrachtet wird. Urteil: O!

– pteron

2. Edgar Wasser – Edgar Wasser_EP

Passend zur Tour-Unterstützung Ende 2012 für Blumentopf veröffentlichte der Münchner Künstler Edgar Wasser seine _EP. Nachdem er rund ein halbes Jahrzent lang den Untergrund aufmischte, wirft nun das Album Sarkasmusgefahr seine Schatten voraus. Markenzeichen des in Chicago geborenen MCs sind spaßige Vergleiche, gepaart mit reichlich Wortwitz und einer rotzfrechen Attitüde. Passender hätte sich der Topf einen Support-Act demnach nicht aussuchen können. Zwar umfasst das betreffende Release nur 8 Vokalstücke, sorgt aber stets dafür, dass der Kopf im jeweiligen Takt mitnickt und die Erwartungen für den Longplayer in die Höhe schießen. Die Wartezeit aufs Album lässt sich unterdessen mit dem Konsum seiner bisherigen EPs wunderbar verkürzen.

– matza

1. Marteria, Yasha & Miss Platnum – Lila Wolken EP

Der Moment, in dem (nach der großartigen Marsimoto-Show) „Schöpfer“ Marteria zusammen mit Yasha und Miss Platnum die Splash!-Bühne betraten, bleibt eindeutig einer der Höhepunkte des Festivals. Hier präsentierten sie der Crowd ihren Track „Feuer“, der sowohl die Bühne ab- als auch tausende Kalorien hüpfender Fans verbrannt haben muss. Als die drei am Ende des Auftritts eine EP ankündigten, war für mich bereits klar: „Die hol ich mir!“. Das Ergebnis: Insbesondere durch die Nummer-1-Single „Lila Wolken“ hat es die EP zum Soundtrack 2012 gemacht. Marteria mit gewohnt hoher Wortspielrate und Yashas und Miss Platnums Stimmen harmonisch oder kontrastreich, schaffen eine extrem abwechslungsreiche Musik und sind dabei so gut wie immer auf einem hohen textlichen Niveau.

– Tobias_the_Explicator

TOP 10 ALBEN

10. Celo & Abdi – Hinterhofjargon

Celo & Abdi? Waren das nicht die zwei Jungs von Haftbefehl? Genau, und genau diese beiden haben wohl eine der Überraschungen des Jahres mit ihrem Album Hinterhofjargon fabriziert. Es geht nicht weniger darum, dass sie Erfolg haben, sondern viel mehr bei wem sie Erfolg haben. War die eigentliche Zielgruppe wohl die Kids auf der Straße und deren großen Brüder, so hat dieses Phänomen der abgehackten Flows mittlerweile auch das Bildungsbürgertum erfasst und Studenten lernen den Hinterhofjargon mit Oberstudienrat Abdi und Glatzkopf Celo. Dabei fehlen auf dem Album auch nicht klassische Straßenhymnen wie z.B. „Hektiks“ und „Traffic Cartel“. Das beeindruckenste und wohl unerwartetste Lied wird wohl „Last Action Hero“ sein, auf dem Celo & Abdi Parallelen zu ihren einstigen Kindheitshelden ziehen. Trotz der Brisanz, die dem Album angedichtet wurde (Hinterhofjargon würde ja HJ abgekürzt und wäre somit ja eine Anspielung auf den Nationalsozialismus), handelt es sich um ein erstklassiges Werk, das zeigt, dass die beiden mehr als die zwei Jungs von Haftbefehl sind.

– Geisterschreiber

9. Amewu – Leidkultur

Mit Leidkultur bescherte uns der Berliner Ausnahme-MC Amewu zwar erst sein zweites Studioalbum, zeigt auf diesem aber deutlich, dass wie so oft Qualität der Quantität vorzuziehen ist. 16 Anspielstationen und knapp 60 Minuten lang ist die Reise durch die Gedankenwelt von Amewu, welche meist durch eine melancholische Grundstimmung beherrscht ist. Hierbei wird deutlich, dass die außerordentlichen Fähigkeiten von Amewu, so wie es eigentlich sein sollte, meist nur Mittel zum Zweck sind, um eine Botschaft zu übermitteln oder Gefühle im Hörer hervorzurufen und nicht nur dem reinen Selbstzweck dienen (positive Ausnahme: „Training Day“). Als unterstützende Gefährten sind unter anderem Label-Kollegen von Edit (Gris, Chefket) als auch 58Muzik-Künstler Cr7z und Absztrakkt vertreten, die das Gesamtpaket mehr als abrunden.

matza

8. Nazar – Narkose

Nazar brachte 2012 mit Narkose ein Album raus, das an Vielseitigkeit wohl kaum zu überbieten ist. Straßenhymnen wie „20 Paragraphen“ oder „Prototyp“ existieren neben Storytelling-Tracks („Hochmut kommt vor dem Fall“), wehmütige Lieder, die an Drake denken lassen („Stilles Meer“), gesellen sich zu Liebesliedern. Alle Songs sind perfekt ausproduziert und Nazars Akzent gibt dem ganzen noch einen gewissen Kick. Der Österreicher hat sich mit deutschen Künstlern wie MoTrip, Manuellsen und Sido die perfekten Partner für die jeweiligen Tracks an Bord geholt und dass ihm mit Gary Howard ein echter Coup gelungen ist, sollte wohl jedem klar sein. Zur Perfektion hätte dem ganzen, wie früher, wahrscheinlich ein RAF Camora und RAF 3.0 gefehlt. Leider werden wir das wohl nicht wiedersehen können (zumindest in absehbarer Zeit).

– Geisterschreiber

7. Mach One – Meisterstück 2

Wenn einer 2012 das Lebensgefühl der Hauptstadt eingefangen hat, dann Berliner Untergrundurgestein Mach One. Sein Album Meisterstück 2 trägt zwar lediglich den Zusatztitel Rock’n’Roll, aber die zugehörigen Sex und Drugs werden auf 18 Tracks schnell nachgeliefert. Das akustische Gegenstück zu einer durchzechten Nacht am Schlesi und dabei alles andere als auf dem Niveau einer „Topfpflanze“. Mach One glänzt mit mit scharfsinnigen Beobachtungen und Charakterzeichnungen, clever gezeichneten Sprachbildern und einer zynisch-satirischen Attitüde gespickt mit einer ordentlichen Portion Selbstironie. Wer macht so ein vielseitiges Album mit kantigen Beats und jeder Menge Charakter? – „Oh, das war ganz bestimmt Mach One“

– pteron

6. Genetikk – Voodoozirkus

Meine anfänglichen Zweifel an dem (nächsten) Rapper, der sein Gesicht mit einer Maske verdeckt, waren völlig unbegründet. Schon beim ersten Durchlauf von Voodoozirkus wird mir klar, das was dieser Karuzo auf stampfenden Sikk-Beats erzählt, ist gut getextet und verdammt unterhaltsam. Auch wenn die Lyrics teils etwas an Selfmade Records-Kollegen Favorite erinnern, lebt das Album besonders von Karuzos unverwechselbarem Flow (inklusive Spanisch-Vokabeln und eigenartiger Betonung). Besondere Höhepunkte: Single und Konzeptsong „König der Lügner“, das perfekte Lied zum Pumpen „Puls“ oder „Inkubation“. Um Missverständnisse auszuschließen: Das komplette Album ist „Supa Dope“, deswegen ist es in der Liste!

– Tobias_the_Explicator

5. Trailerpark – Crack Street Boys 2

Crack Street Boys 2 ist der Sampler des Labels um Basti, Sudden, Timi Hendrix und Alligatoah, die hier im Prinzip genau das weiterführen, für das ihr Label bekannt ist: Härtester schwarzer Humor. Alles und jeder bekommt sein Fett weg, egal ob es nun die hochmütigen Z-Promis („Superstars“) oder die ewigen Nörgler-Fans („Oer-Erckenschwick“) sind. Gepaart wird dies natürlich mit der gekonnt humoristischen Zelebrierung des Drogenkonsums, welche quer durch den Sampler allgegenwärtig ist. Das Album unterhält nicht nur durch die abwechslungsreichen Klangbilder und die großartigen Hooks, vor allem denen von Alligatoah, sondern auch durch die großartig geschriebenen Texte, bei denen man durchgehend ein Schmunzeln im Gesicht hat und welche zudem technisch auf jeden Fall auf hohem Niveau sind. Insgesamt eine CD, die einen in allen Aspekten gut unterhält, wenn man die Sache natürlich nicht allzu ernst nimmt.

ClassicMoviesFTW

4. Die Orsons – Das Chaos und die Ordnung

Die Orsons sind ein trotziges hochbegabtes Kind“ – so beschreibt Maeckes die Band mit dem O auf „Rosa, Blau, Grün“ – und ganz nach dem Motto haben sie’s geschafft trotz Majorlabel-Signing mit Das Chaos und die Ordnung ihr Ding durchzuziehen. Das beste am Album ist wohl, dass die vier viel mehr als auf den Vorgängern auf ihre jeweiligen eigenen Stärken setzen: „Nachmittag im Park“ und „Lagerhalle“ gehen stark in die Richtung von Tuas Dubstep-Sound, „Das Leben ist sch.“ und „Für immer Berlin“ tragen deutlich Kaas‚ Handschrift, Bartek macht „Mars“ zum Highlight und „Unperfekt“ ist die Orsons-Neuauflage des Maeckes-Tracks schlechthin. Trotzdem – oder eher gerade deswegen – erscheint das Album damit als Gesamtkunstwerk. Chaos und Ordnung vereint – ein ganz großes, stimmiges Teil.

– pteron

3. Marsimoto – Grüner Samt

Auch wenn inzwischen gefühlt jeder zweite Rapper eine Maske trägt oder sich ein Alter Ego zugelegt hat, bei Marsimoto wirkt es nichtsdestotrotz überhaupt nicht wie ein Gimmick. Marten Lacinys Quasimoto-Hommage hat inzwischen ein Eigenleben entwickelt, das weit über seinen früheren Kifferrap hinausragt. Mit mythisch besetzter Symbolik präsentiert sich Marsi auf Grüner Samt als klassische Trickster-Figur, der z.B. auf „Der springende Punkt“ fliegend zwischen Identitäten wechselt. Genauso frei fliegen auch die Assoziationen in den pasticheartigen, teils sehr amüsanten wortspielreichen Texten, die bei mehrmaligem Hören auch einen ungeahnten Tiefgang offenbaren. Und der Sound! Die Produktionen von Marsis Green Berlin-Leuten sind ganz weit vorne bei der Fusion von Hip Hop-Sounds und Elektronik-Beats. Insgesamt ein Meilenstein-Album!

pteron

2. RAF 3.0 – RAF 3.0

Raf 3.0 statt Raf Camora. Mit dem gleichnamigen Album Raf 3.0 schlug der Wiener Rapper (den ich bis dahin nur von Nazar-Features kannte) einen anderen Weg ein. Textlich auf einem hohen Niveau ziehen sich Themen wie Elektronik, Überwachung und Sucht wie ein roter Faden durch das Album. Neben vielen elektronischen Beats sorgen Lieder wie “Nichts Verletzt So” oder das großartige Reggae-/Rock-/Rap-Brett “Fallen” für Kontraste. Raf überzeugt nicht nur mit Gesangsparts, sondern schafft mit gekonnten Metaphern starke Bilder („Tumor“), die hängen bleiben. Ein experimentelles Album, das es gerade durch die großartigen Produktionen von KD-Supier zu meinem persönlichen Album des Jahres machen.

– Tobias_the_Explicator

1. MoTrip – Embryo

“Vom Embryo zum Foetus// Umstritten doch letztendlich erfolgreich” Unser Album des Jahres 2012 ist kein Geringeres als MoTrips Embryo. Mit diesem Album hat er endlich den lang ersehnten Schritt vom “Kollabo-Rapper” hin zum “Vollzeit-Künstler” geschafft. Embryo erschien Anfang März und stieg sofort auf Platz neun der deutschen Charts ein. Auf 17 (bzw. 19) Anspielstationen behandelt Trip dabei eher sehr persönliche Themen und reflektiert seinen Werdegang auf Songs wie “Die Frage ist wann”, “King” und “Alles was ich wollte” oder behandelt heißdiskutierte Themen wie Abtreibung im Titeltrack auf recht simple doch verblüffend starke Weise, aber trotz eher tiefgründiger Texte verzichtet Mo nicht auf ausgefuchste Wortspiele und Vergleiche. Wer hat so viele Homophone in seinen Texten? Ich kenn’ keinen.

– Geisterschreiber

Lobende Erwähnung: Max Herre – Hallo Welt! und Blumentopf – Nieder mit der GbR